Die Jungs kommen ins MĂ€nnerdorf

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Meine Jungs im Männerdorf

Meine Söhne wohnen im Männerdorf und haben im Frauendorf nichts mehr verloren.
Was ich damit meine und welche wichtige Erkenntnis damit für mich zusammenhängt, erkläre ich in diesem Artikel.

Die Jungs im Männerdorf

Vor über 15 Jahren sah ich eine Dokumentation über einen indigenen Stamm in Papua-Neuguinea. Ich hoffe, dass ich das Gesehene noch richtig in Erinnerung habe und hier korrekt wiedergeben kann.
In dem Dorf dieses Stammes gibt es ein Männerdorf und ein Frauendorf. (Wie die monogam lebenden Paare ihren Ehealltag organisieren, angefangen vom Müll rausbringen, bis hin zu der Frage: zu dir oder zu mir? wurde in diesem Bericht nicht kommuniziert.) Die Kinder leben im Frauendorf bei ihren Müttern, aber die Jungs wechseln mit 7 Jahren ins Männerdorf. Am Anfang treffen sie sich noch hin und wieder mit ihren Mamas an der Grenze zwischen den Dörfern, aber allzu große Sehnsucht gilt als unangemessen und unmännlich.
Als ich diesen Bericht sah, waren meine Söhne 8, bzw. 5 Jahre alt, der Große hätte schon lange ins andere Dorf wechseln müssen. Bei dem Gedanken daran traten mir damals die Tränen in die Augen.

Jagen und Furzen

Im Männerdorf

Die Menschen in diesem Dorf in Papua-Neuguinea leben in einer archaischen Gesellschaft. Nur, wenn die Jungen mit den Männern zusammen sind, lernen sie für die Gemeinschaft überlebenswichtige Dinge, wie Kämpfen und Jagen und andere Dinge, die Männer so können müssen (unter Umständen gehören das Lernen von gewissen Schenkelklopfern, der Genuss von vergorenen Fruchtsäften und ungeniertes nächtliches Furzen auch dazu). Bei den Mamas im Frauendorf ist es vielleicht schön und nett, aber Feldarbeit und Kochen ist halt eine Aufgabe, die den Frauen vorbehalten ist.

Meine Söhne wohnen nicht mehr im Frauendorf

Da wir keine Papua-Neuguiner sind, war unsere Wohnsituation niemals so rigide getrennt, dennoch war ich eine ganze Zeitlang eine wichtige Ansprechpartnerin für meine Kinder, ob es sich nun um das Monster unterm Bett gehandelt hat, kaputte Spielsachen oder Schulangst. Aber irgendwann musste ich feststellen, dass die Beiden sich mit ihren Fragen und Problemen mehr und mehr an ihren Vater wandten. Im ersten Moment war ich ein wenig (oder ein wenig mehr) verstimmt und machte mir Sorgen ob meiner mütterlichen Kompetenz.

Irgendwann fiel mir dann der Bericht aus Papua-Neuguinea ein und ich erkannte: Meine beiden Jungs wohnen nicht mehr im Frauendorf! Mein Mann ist als männliche Bezugsperson für ihre persönliche Entwicklung mehr in den Vordergrund getreten, was ganz normal ist und auf ein gesundes Verhältnis hindeutet.
Sie wohnen nun im Männerdorf und lernen Kämpfen und Jagen und können vielleicht endlich ungeniert furzen oder solche Sachen.

Foto: Die Jungs im Männerdorf ©frau-sabienes.de
Text: Die Jungs kommen ins Männerdorf ©frau-sabienes.de

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8 Kommentare zu “Die Jungs kommen ins MĂ€nnerdorf

  1. Teamworkart

    Liebe Sabine,

    So einen Artikel hab ich auch mal gelesen und wusste nicht so genau, was ich davon halten sollte. Wahrscheinlich, weil es bei diesen StĂ€mmen sicher Sinn macht, fĂŒr uns aber kein Modell sein kann. Darin stand u. a. auch, dass sich alle MĂŒtter um alle Kinder kĂŒmmern und sie versorgen, selbst gestillt werden sie von derjenigen Frau, die grade zur Stelle ist. Sie haben also von Anfang an gar nicht diese Bindung an die leibliche Mutter und dementsprechend die MĂŒtter eben auch nicht an ihre Kinder. Das kommt der Theorie sehr nah den Khalil Gibran in diesem wunderbaren Text ausdrĂŒckt: „Eure Kinder sind nicht eure Kinder
“ (http://gedichte-lyrik-poesie.de/Khalil_Gibran_Von_den_Kindern/index.html ).

    Als mein Sohn klein war (1985/90) trennten sich viele Frauen nach dem Motto: „Lieber keinen Vater, als einen, der sich sowieso nicht kĂŒmmert!“ Das sehe ich schon lange nicht mehr so, Jungs brauchen einfach diese mĂ€nnliche Bezugsperson, und heute haben VĂ€ter ja zum GlĂŒck hier auch einen ganz anderen Bezug zu ihren Kindern. Auch wenn diese bis heute immer noch zunĂ€chst in Kita und Grundschule mit mehr Frauen als MĂ€nnern umgeben sind, und Trennungskinder meistens eher bei den MĂŒttern aufwachsen. Dass sich die Geschlechter generell immer mehr angleichen, sehe ich manchmal auch als hinderlich. Es gibt zwar die weibliche und die mĂ€nnliche Seite in jedem von uns, aber jeder kann „seine“ immer noch am besten ausleben.

    Was bei manchen StĂ€mmen noch praktiziert wird, ist ein Ritual zum Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen. Dazu kommen die Kinder im entsprechenden Alter fĂŒr eine bestimmte Zeit in eine vom Dorf abgeschiedene Gruppe um sich auf diesen neuen Lebensabschnitt vorzubereiten. Das stelle ich mir sinnvoll vor, und so eine Auszeit tĂ€te unseren Kindern sicher auch gut um sich zu finden, und klar darĂŒber zu werden, was sie eigentlich wollen und wie es gehen kann, wo ihre Interessen und StĂ€rken liegen etc. Dieser Stress und Druck heute von Konkurrenz, besten Noten, Kampf um einen Studienplatz und anschließend einen Job, kann auf Dauer nicht gesund sein


    LG Sabine

    1. Frau Sabienes Beitragsautor

      @Teamworkart: Bei einem indigenen Stamm ist eine solche Regelung sicher unter anderen Gesichtspunkten zu betrachten, als bei uns. FĂŒr mich war dieses Bild entscheidend, dass ich meine Kinder gehen lassen kann und muss.
      Zu den mĂ€nnlichen Bezugspersonen, bzw. den fehlenden mĂ€nnlichen Bezugspersonen: Mir wurde von einer Untersuchung berichtet, dabei es darum ging, dass Verhalten von Kriegskindern zu untersuchen, die ohne Vaterfigur aufwachsen mussten und die Probleme, die sich gerade fĂŒr die Söhne daraus ergeben haben. Manchmal ist auch ein schlechtes Vorbild besser, als gar keins.
      LG
      Sabienes

  2. Leo

    Als ich 11 wurde, durfte ich zu den Pfadfindern. Die sind in Flandern allerdings noch sehr viel mehr an den ursprĂŒnglichen Vorgaben von Baden Powel orientiert als die hiesigen ohnehin seltenen Pfadfindergruppen. Und freilich nur Jungs unter einander. Die MĂ€dels hatten eine eigene Truppe. Dort lernte ich sehr viele Dinge, die ich zuhause nie hĂ€tte lernen können und wohl auch niemals gedĂŒrft hĂ€tte. An normalen Wochenenden war das nur einige wenigen Stunden. Aber in den Ferien ging es richtig zur Sache, wenn wir auf Zeltlager waren. Das war dann schon ein richtiges „MĂ€nnerdorf“. Angefangen beim Bauen der Betten, Tische, BĂ€nke, Überdachungen, TĂŒrme etc etc. alles mit eigens herangeschaffte HolzstĂ€mmchen und SchnĂŒre (Bierzelt-Tische und BĂ€nke oder Feldbetten hĂ€tten unser EhrgefĂŒhl zutiefst beleidigt), ĂŒber Kochen, SpĂŒlen, Waschen, gerissene Kleidung reparieren und alles Reinigen was am Tag so alles verdreckt wurde. Alles in Eigenregie in 7er-Gruppen Gleichaltriger ohne Hilfe der uns begleitenden erwachsenen Jugendleiter. Was man nicht konnte, musste man halt lernen. Dazu TagesmĂ€rsche, NachtmĂ€rsche und (wer soweit war) auch ganz allein ĂŒber 24 Stunden von einem unbekannten Punkt wo man ausgesetzt wurde, wieder zum Camp finden und sich unterwegs selbst versorgen mit was man im Wald eben so fand.
    Das hat sehr viel mehr zu unserer VerselbststĂ€ndigung beigetragen, als alles was Mama uns mĂŒhsam hĂ€tte einblĂ€uen können. Wer das ĂŒber mehreren Jahren hindurch bis zum 17. Lebensjahr gemacht hat, braucht weder ein Hotel Mama, noch eine haushaltsmanagende Partnerin und erledigt auch spĂ€ter in der Familie ganz selbstverstĂ€ndlich seinen gerechten Anteil der Hausarbeit.
    Es freut mich immer wieder zu sehen, dass in Flandern auch heute noch fast 30% der Jugendlichen zu den Scouts und Ă€hnlichen Jugendorganisationen gehen und sehr vielen ab dem 18. Lebensjahr dort Leitungsfunktionen ĂŒbernehmen. Leider findet man vergleichbare Jugendorganisationen hierzulande nur sehr selten. Neben Basteln und Ballspiele ist die Schnitzeljagd meist schon das Höchste der GefĂŒhle. Und die Leitung machen fast nur junge Frauen, so dass die Jungs allerspĂ€testens mit 14 die Nase davon voll haben und – sofern es kein gut gefĂŒhrtes Jugendzentrum um die Ecke gibt – auf der Straße herum lungern. Was heute wohl das moderne „MĂ€nnerdorf“ ist. Und die meisten MĂ€nner bleiben, wenn es auf der alltĂ€glichen Selbstversorgungsarbeit ankommt, dem entsprechend bis zum hohen Alter Muttersöhnchen.

    1. Frau Sabienes Beitragsautor

      @Leo: Pfadfinder sind mit Sicherheit ein prima MĂ€nnerdorf, wenn die Gruppen vor Ort gut gefĂŒhrt sind.
      LG
      Sabienes

  3. Ruthie

    Das ist ein sehr interessanter Beitrag. Meine Jungs waren/sind viel zu lange im Frauendorf und haben auch sonst ganz wenig Bezug zu den MĂ€nnern. Was mir sehr leid tut, ich aber nicht Ă€ndern kann 🙁

    1. Frau Sabienes Beitragsautor

      @Ruthie: Du kannst es nicht Ă€ndern und mit Sicherheit hast du alles getan, was in deiner Macht stand, um dies auszugleichen. 🙂
      LG
      Sabienes

  4. Tante Trulla

    Hallo Sabine,

    Toller Artikel!

    Meine Jungs befinden sich auch auf dem Weg ins MĂ€nnerdorf oder stehen irgendwo dazwischen und ich hoffe das sie auch spĂ€ter immer mal wieder ins Frauendorf auf einen Besuch zurĂŒckkehren <3

    Lg Tante Trulla

    1. Frau Sabienes Beitragsautor

      @Tante Trulla: Das machen die bestimmt. Und vielleicht bringen sie sogar ihre Freundinnen mit!
      LG
      Sabienes

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